Ein Bartfalke erzählt

Nein, ein Bartfalke ist keine neu entdeckte Vogelart. Es ist die Bezeichnung für ein in die Jahre gekommenes männliches Mitglied der SJD-Die Falken.

Zu dieser Spezies gehöre ich. Den Falken habe ich viele schöne Jahre mit Erlebnissen zu verdanken, die ich nicht missen möchte. Diese und andere Geschichten aus meinem Leben werde ich jetzt aufschreiben. Nicht chronologisch, nicht thematisch sortiert, und schon gar nicht mit einem anderen Anspruch als dem, dass es mir gefällt. Ich werde sie nach und nach hier einstellen. Wie beim guten alten Fortsetzungsroman in der Bäckerblume. Es werden voraussichtlich einige grundsätzliche Gedanken von mir sein, vor allem aber Erinnerungen an Anekdoten, die ja bekanntlich das Leben in der rückwärtigen Sicht ausmachen. Dafür, dass die Geschichten alle genau so passiert sind, wie ich sie aufschreibe, kann ich nicht garantieren. Nur eins ist sicher. Nein, nicht die Rente, sondern dass die Geschichten, wenn sie etwas ausgeschmückt sind, jedenfalls so passiert sein könnten. Wer beim Lesen Dreckfuhler, stilistische Zumutungen oder grammatikalische Ungereimtheiten entdeckt, darf mit dem erhebenden Gefühl weiter leben, es besser zu wissen.

Zur Einführung

Bei den Falken, der Sozialistischen Jugend Deutschlands, gibt es einen schönen Grundsatz. Einmal Falke, immer Falke. Allerdings, er trifft, so ist das Leben, nicht auf jede Genossin und jeden Genossen zu. Da gibt es Karrieristen, die den vermeintlichen Sprung in ein Leben jenseits des alten Falkenmottos WIR SIND ARBEITERKINDER UND WIR SIND STOLZ DARAUF „geschafft“ haben. Es gibt auch solche, die das zu ihrem eigenen Leidwesen nicht „geschafft“ haben und es so gerne hätten. Und doch, waren sie einige Zeit dabei und trifft man sie nach Jahren oder Jahrzehnten wieder, merkt man ihnen die Wehmut an, die jeden befällt, der jemals Kindergruppenleiter, Zeltlagerhelfer oder auch nur Teilnehmer an dem einen oder anderen Pfingstcamp oder der einen oder anderen Wochenendfahrt war. Dann dauert es nicht lange, zumal wenn ein Bierchen im Spiel ist, und, einerlei ob heute Unternehmer, Minister oder stinknormaler Malocher, dann ertönen die gemeinsam gesungenen Arbeiterlieder erneut, sorgen die gemeinsam erlebten Geschichten und Anekdoten erneut für Gelächter, obwohl sie jeder schon x-mal gehört und ebenso oft selber erzählt hat. Irgendeiner hat immer eine Gitarre dabei und ein abgewetztes Falken-Liederbuch.

Sicher werden jetzt einige, die solche oder ähnliche Erfahrungen nicht gemacht haben, einwenden wollen, dass da ein infantiler Opa rührselige Geschichten erzählt, Sozialneid kennt eben viele Facetten. Wer nie gelebte Solidarität live erlebt hat, neigt dazu, sie als modernen Konservatismus zu diffamieren. Sicher, die Falken galten Vielen und gelten bis heute, auch innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung, als ein Relikt aus klassenkämpferischer Vergangenheit, als Auslaufmodell der alten verstaubten Arbeiterbewegung.

Selbst das ehemalige Falkenmitglied Willy Brandt halten viele der ach so modernen Parteifunktionäre, die sich fortan als Eventmanager sahen, für eine Randnotiz der Geschichte. Hatte der nicht gesagt, der Klassenkampf höre nicht deshalb auf, weil wir ihn anders nennen. Die Generation „Irgendwas-mit-Medien“ schickte sich an, aus ihren Strategy-Towern die virtuelle Welt mit der Realität zu verwechseln und berauschte sich an ihrer eigenen Wichtigkeit. In der Partei war es in den vergangenen Jahren geradezu IN, sich von den so bezeichneten Sozialromantikern, den Dinosauriern des Sozialstaatsprinzips und Verfechtern des demokratischen Sozialismus Nase rümpfend zu distanzieren. Rache für ein erlebnisarmes Leben? Oder schlicht pseudointellektueller Hochmut? Wer mit Zwanzig seine Karriereplanung abgeschlossen hat und Hartz IV für den Gipfel eines deutschen Mittelgebirges hält, wird kaum dazu in der Lage sein, im sozialdemokratischen Sinn politische Antworten auf die aktuellen kapitalistischen Krisenerscheinungen zu formulieren.

  • email
  • Facebook
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • Add to favorites
  • Twitter
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • MySpace
  • PDF




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: