Was sind eigentlich Finanzhaie?

Oder: Wie funktioniert Kapitalismus?

Die erste Schwierigkeit besteht darin, einen Einstieg in ein gesellschaftliches System von formellen und informellen Macht- und Herrschaftsbeziehungen zu finden. Eine Beschreibung des Bankenwesens wäre eine, die Beschreibung der Genese der bürgerlichen Gesellschaft oder des Handels oder der industriellen Produktion wären andere. Zu beachten ist, dass Produktion, Austausch, Zirkulation und Konsumtion Teil eines Ganzen sind. Eine Trennung von Produktions- und Zirkulationssphäre ergibt zunächst einfach keinen Sinn.


Ist Spekulation eine relevante Kraft für den Kapitalismus?
Wer Eigenkapital einsetzt, um unternehmerisch tätig zu sein, will mehr Output als Input; und zwar mehr Output als eine Investition in anderen Bereichen bringen würde. Inhalt der unternehmerischen Tätigkeit ist nicht von Belang, ob nun Solarzellen, Autos, Waffen oder Finanzprodukte.

Ist Gier eine relevante Kraft für den Kapitalismus?
Individuelles Handeln ist greifbar, benennbar und lässt sich in Bezug zu individuellem Handeln anderer setzen. Im Kapitalismus ist jedoch das Handeln von Charaktermasken irrelevant. Gesellschaftliche Verhältnisse konstituieren sich nicht darüber, wer letztendlich in welcher Position seine [sic!] Unterschrift leistet und namentlich benannt werden kann, denn im Kapitalismus ist prinzipiell jede_r austauschbar. Das spezifische Medium des ökonomischen Systems ist nicht Moral. „Gut“, „Böse“, „Tugend“ und „Gemeinschaftssinn“ etc. verweisen auf scheinbar überwundene religiöse Kategorien und räumen persönlichem Handeln eine Bedeutung ein, die es nicht besitzt.

Alles Gerede von „Wir“ und „Die“, ohne exakte Benennungen vorzunehmen, konstruiert eine kollektive nationale Identität, die dann beispielsweise sogar noch mit „Ehrlichkeit“ und „Verantwortung“ überhöht wird; Zweck dessen ist die Abgrenzung von „den Anderen“, „den Bösen“, von denen, die nicht dem nationalem Kollektiv angehören, sondern „wurzellos“ sind. In einer Argumentation ist eine Bezeichnung von Menschen als „Heuschrecken“ oder „Haie“ ebenso wie eine Reduktion des Kapitalismus auf „umherziehendes Finanzkapital“ oder „Casinos“ strukturell antisemitisch. Kapitalismus lässt sich einfacher im Kleinen an Beispielen wie Großkonzernen oder Banken erklären, wer auf dieser Ebene stehen bleibt und meint, aus einer Kritik an Banken oder „Finanzhaien“ Heilsversprechen ableiten zu können, hat so Einiges nicht verstanden.

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5 Antworten auf “Was sind eigentlich Finanzhaie?”


  1. 1 Toe 25. Juni 2009 um 15:57 Uhr

    Kannst du den Sprung zum strukturellen Antisemitismus mal noch naeher erlaeutern? Ich kann soweit folgen, dass Menschen als Haie zu bezeichnen Mist ist, und dass bitte schoen genau erklaert werden solle, wer mit „denen“ gemeint ist.

  2. 2 Robert 25. Juni 2009 um 16:12 Uhr

    Bei Antisemitismus ist die erste Assoziation, dass das irgendwas mit Jüdinnen und Juden zu tun haben muss. Dem ist beim strukturellen Antisemitismus nicht unbedingt so.
    Es soll damit einfach zum Ausdruck gebracht werden, dass die Struktur einer Argumentation, die Kapitalismus auf einzelne „böse“ Menschen reduziert und diese dann für alles Elend verantwortlich machen will, genauso strukturiert ist, wie eine Argumentation, die alles „Böse“ auf Jüdinnen und Juden projiziert.
    Diese strukturell antisemitischen Argumentationen schlagen dann auch schnell in offen antisemitische um, wenn in Bildern und Karikaturen dann vermeintlich typische jüdische Klischees bedient werden.

    Und um das Ganze noch mehr zu würzen: Es hat für die NPD sicherlich einen Sinn, dass sie auf ihren Plakaten die „Finanzhaie stoppen“ will.

  3. 3 Toe 26. Juni 2009 um 17:48 Uhr

    Dieser (strukturelle) Antisemitismus ist also dann gegeben, wenn im Antisemitismus verwandte Argumentationsmuster benutzt und/oder Eigenschaften Menschengruppen zugeschrieben werden, die im Antisemitismus den Juedinnen und Juden zugeschrieben werden. Korrekt?

    Nun, so richtig ueberzeugend finde ich das nicht, weil dann sehr viel als (strukturell) antisemitisch bezeichnet werden kann – ob es dann letztlich dazu fuehren kann, den Juedinnen und Juden zugeschrieben zu werden oder nicht. Der Gewinn einer solchen Definition ist mir im Gegenzug nicht klar.

    Hier hab ich noch was gefunden, was in die Richtung geht:

    Der Begriff des struktureller Antisemitismus ist aber auch in gewisser Hinsicht problematisch vor allem weil damit jede Kritik am Finanz- und Bankensystem tabuisiert werden könnte und die Argumentation der Kritiker des Finanzsystems vorschnell verurleilt werden könnte, nur weil sie einer bestimmten Argumentationsstruktur entspricht. So greift der Vorwurf des strukturellen Antisemitismus auch dann, wenn sich die Kritiker des Finanzsystems ausdrücklich von den Gräueltaten und des entsetzlichen Leides des Holocaust, distanzieren und könnte dazu missbraucht werden Berührungsängste zu erzeugen um eine öffentliche Diskussion des Finanzsystems zu unterbinden.

  4. 4 Robert 28. Juni 2009 um 12:30 Uhr

    Ja, struktureller Antisemitismus ist, wenn Argumentationen verwendet werden, die in bestimmten Projektionen und Personifizierungen bestehen.
    Der Gewinn ist, auf die gefährliche Nähe von „gegen Finanzhaie“ mit offenem Antisemitismus hinzuweisen.
    Ob bestimmte Zuschreibungen nun Jüdinnen und Juden oder Banker oder PolitikerInnen oder „die da Oben“ betreffen oder nicht ist dabei m.E. egal, da diese Zuschreibungen ja sowieso willkürlich gewählt sind.

  5. 5 Kim 29. Juni 2009 um 16:43 Uhr

    Antisemitismus, als welterklärende ideologische Weltverschwörungstheorie, versteht sich als antikapitalistisch indem Sinne, dass auf Juden und Jüdinnen alles vermeindlich Böse projiziert wird. Diese Personalisierung geht einher, mit einem Nichterkennen des Doppelcharakters der Ware. Die Kritik bezieht sich dabei einseitig auf die abstrakte Seite des Kapitalismus und spart die konkrete aus (also nach dem Motto ehrliche Arbeit vs. Raffen).
    Struktureller Antisemitismus macht genau das gleiche, allerdings braucht es dafür natürlich keine Juden oder Jüdinnen, sondern wie Robert richtig sagt, ist es egal welche Gruppe von den willkürlichen Zuschreibungen betroffen sind. Struktureller Antisemitismus ist eine verkürzte Kapitalismuskritik, die glaubt, dass das Problem im Kapitalismus einzelne Menschen seien, die mensch für Krisen und Ungerechtigkeit verantwortlich machen könne bzw. müsse.

    Da Antisemitismus aber komplexer ist, als nur eine einfache verkürzte Kapitalismuskritik, würde ich sagen, dass das Menschengruppen bezogene Zuschreiben von Eigenschaften, die im Antisemitismus den Juedinnen und Juden zugeschrieben werden nicht pauschal als struktureller Antisemitismus bezeichnet werden kann. Struktureller Antisemitismus liegt dann vor, wenn das beschriebene Argumentationsmuster verwendet wird. Welche Gruppe dann dabei als Projektionsfläche genutzt wird spielt keine Rolle.

    Das Argument, dass struktureller Antisemitismus falsch ist, weil damit eine Kritik am Finanzsystem unterbunden wird ist meiner Meinung nach falsch. Es geht nicht darum eine Kritik zu verhindern, sondern falsche Kritik aufzuzeigen, auch um eine grundlegende, nicht verkürzte Kritik üben zu können.
    Naja und dass Menschen die sich von der Shoa distanzieren trotzdem antisemitisch sein können ist ja wohl klar…

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